Dogville

Dogville: Lars von Triers schonungsloses Menschlichkeitsexperiment

Lars von Triers kontroverses Meisterwerk (2003) dekonstruiert den amerikanischen Mythos vom guten Kleinstädter auf einer nackten Bühne ohne Wände. Nicole Kidman als Grace verkörpert eine geheimnisvolle Flüchtling, die im abgeschiedenen Dogville Unterschlupf findet. Anfangs helfen die Bewohner bereitwillig – gegen kleine Gefälligkeiten. Doch als Graces Vergangenheit sie einholt, verwandelt sich die christliche Nächstenliebe in blanken Sadismus. Die minimalistischen Kreidemarkierungen auf dem Boden werden zu unsichtbaren Gefängnisgittern.

Dogville

Bühne als moralisches Labor

Von Trier inszeniert das Dorf als begehbare Gewissensfrage: Die fehlenden Wände enthüllen, wie schnell Anstand in Tyrannei umschlägt. Paul Bettany als selbstgerechter Schriftsteller Tom führt Graces Erniedrigung mit pseudophilosophischen Rechtfertigungen an. Die Schlüsselszene, in der Grace eine schwere Eisenkette schleppt (Referenz an Sklaverei), zeigt von Triers geniale Theaterästhetik – Requisiten werden zu Symbolen, Schauspieler zu Archetypen.

Dogville

Nicole Kidmans beste Performance

Kidman spielt Graces Wandlung vom idealistischen Opfer zur rachsüchtigen Überlebenden mit atemberaubender Subtilität. Besonders verstörend: Die Vergewaltigungsszene, bei der die Kamera auf das Gesicht des zuschauenden Nachbarn zoomt, nicht auf das Verbrechen. John Hurs‘ expressionistische Beleuchtung wirft lange Schatten der Komplizenschaft. Als Grace am Ende ihre Peiniger richtet, wird der Zuschauer zum Mittäter – wir applaudierten ihrer Demütigung, jetzt ihrem Racheakt.

Dogville

Ein Film wie ein moralischer Brandsatz

„Dogville“ ist kein einfacher Film, sondern eine dreistündige Anklage gegen Heuchelei. Von Trier zitiert Brechts Verfremdungseffekte (sichtbare Mikrofone, schwarzer Bühnenboden) und amerikanische Parabeln wie „The Crucible“. Das Finale, mit David Bowies „Young Americans“ untermalt, brennt sich ins Gedächtnis – eine Warnung: Jede Gesellschaft ist nur eine Krise entfernt von der Barbarei. Ein unvergessliches Kinoereignis, das polarisiert wie kaum ein zweites.